Presse

  Datum Autor Medium
» Details April 2007
Bert Noglik
POSITIONEN
Concertos Project
Michael Mantler und das Kammerensemble Neue Musik
Über ein Werk in statu nascendi

Fast gewinnt man den Eindruck, dass sie, von unterschiedlichen Erfahrungen kommend, einander folgerichtig finden mussten: der in Personalunion als Trompeter, Komponist und Ensembleleiter agierende Michael Mantler und das Kammerensemble Neue Musik. Intentionen, Überlegungen und musikalische Konzepte erweisen sich als komplementär, mitunter sogar als wahlverwandt. Michael Mantler ist eine Zentralfigur in einer Musik, die sich der kategorialen Zuordnung entzieht, mithin einer der Außenseiter von musikalischer Signifinaz. Der in Wien Geborene ging 1962, damals 19-jährig, nach Amerika, um sein Musikstudium fortzusetzen. Nirgendwo beheimatet, weder in den Gefilden des Jazz noch in denen der Neuen Musik, und nirgendwo recht zu Hause, weder in den USA, wo er rund drei Jahrzehnte gewirkt hat, noch in Europa, wo er seit Anfang der neunziger Jahre, teils in Kopenhagen, teils in Frankreich, lebt, gleicht sein Lebens- und Werkkauf dem eines unermüdlichen Grenzgängers.Doch Michael Mantler wechselt nicht wahllos die Richtungen. Bei aller Vielgestaltigkeit seines Œvres, das sich von Duos bis zu Werken für großes Orchester, von konzertant aufgeführten Literaturvertonungen bis zu szenischen Aufführungen spannt, offenbart er eine Langzeit-Kontinuität. Seine musikalische Phantasie entzündet sich an der Dialektik von Komposition und Improvisation, von determiniertem Ensembleklang einerseits und unverwechselbarem, spontanem Individualklang andererseits. Mitte der sechziger Jahre formierte er mit seiner damaligen Frau Carla Bley und der Creme der New Yorker Free-Jazz-Improvisatoren das Jazz Composer’s Orchestra. Michael Mantler wollte eine Plattform schaffen, um neue Werke für eine größere unkonventionelle Jazzformation selbst komponieren, in Auftrag geben, aufführen und aufnehmen zu können. Zugleich ging es ihm darum, „einigen der einzigartigen und herausragenden Free-Jazz-Improvisatoren eine orchestrale Umgebung zu geben, ohne sie in ihrer Kreativität einzuschränken.“Auf dem 1968 mit dem JCO aufgenommenen Doppelalbum, das längst als „Klassiker“ eines Genres gilt, für das es bis heute keine griffige Bezeichnung gibt, kann man im Verein mit den charismatischen Instrumental-Stimmen von Cecil Taylor, Don Cherry, Pharoah Sanders, Larry Coryell, Roswell Rudd, Gato Barbieri und Carla Bley auch eine neue Orchestersprache hören, deren Ausformung und Differenzierung Michael Mantler bis zum heutigen Tag beschäftigt. „Im Jazz Composers’ Orchestra“, resümierte Mantler, „war außer den Stimmen für die Solisten der Stücke alles ausnotiert. Aber auch die Solisten hatten ihre ,Texte’, also die Musik, die um sie herum passierte. So entstanden die Improvisationen in direkten Reaktionen auf ihr Umfeld, waren dadurch kontrolliert. Auch heute noch verwende ich improvisierende Musiker sehr gern, ohne dass ich sie improvisieren lassen würde, weil sie im Gegensatz zu ‚klassischen’ Musikern eine ganz besondere Art haben, Geschriebenes zu interpretieren und zu phrasieren. Bei einem Symphonieorchester zum Beispiel weiß ich genau: Da sitzen hundert klassisch geschulte Symphoniker. Wenn man denen etwas vorlegt, ohne ihnen zum Beispiel genaue dynamische Informationen zu geben, können sie das nicht spielen. Sie brauchen den Bogen, genaueste Angaben, ansonsten besteht das Papier, das da vor ihnen auf dem Pult liegt, aus nichts anderem als wertlosen Noten. Es ist nicht ihre Aufgabe zu erfinden, wie man etwas spielt.“Mit seinem „Concertos Project“ nimmt der Komponist das bereits mit dem JCO vorgezeichnete und mit unterschiedlichen Besetzungen weiterentwickelte Konzept des Solo-Konzerts wieder auf. Gemeinsam mit dem Kammerensemble Neue Musik soll eine Folge von Konzerten für Solisten wie den Posaunisten Roswell Rudd, den Tenorsaxophonisten Bob Rockwell, den Gitarristen Bjarne Roupé, die Pianistin Majella Stockhausen-Riegelbauer, den Marimba und Vibraphon spielenden Pedro Carneiro, den Perkussionisten Nick Mason und den Bandleader Michael Mantler, Trompete, entstehen. Wenn sich, unter der musikalischen Leitung von Roland Kluttig, die unterschiedlich instrumentierten Concertos zu einem Ganzen fügen, werden – bereits bedingt durch musikkulturelle Herkunft und Mentalität der Beteiligten – sehr verschiedene Herangehensweisen zu erleben sein: von der vergleichsweise werkgetreuen Interpretation bis zur individuellen Ausgestaltung und Improvisation.Das „Concertos Project“ wird am 2. November dieses Jahres beim Jazzfest Berlin aufgeführt werden. Im vergangenen Jahr war im Rahmen dieses Festival das vom Pianisten Alexander von Schlippenbach geleitete Globe Unity Orchestra zu erleben, das erstmals 1966 für die Berliner Jazztage formiert wurde, also in der gleichen Zeit seinen Ursprung hat wie Michael Mantlers Jazz Composers’ Orchestra. Ging es Alexander von Schlippenbach anfänglich um die Zusammenführung von Kompositionsprinzipien der Neuen Musik mit dem Innovationspotenzial der Free-Jazz-Musiker, so setzte sich im Laufe der Jahre eine Praxis durch, die – unter Einbeziehung minimaler kompositorischer Festlegungen – die freie Improvisation in den Mittelpunkt der Orchester-Arbeit rückte. Michael Mantler, mit ähnlichen musikalischen Fragestellungen befasst, ist den umgekehrten Weg gegangen. Im Laufe der Jahre legte er immer mehr Wert darauf, die Freiheiten der Improvisation zu kontrollieren.Zu seinem Werk „13“ von 1975 merkte Mantler an: „Es geht um die Weiterentwicklung von Kompositionen für ein großes Orchester mit Freiheiten der Interpretation, aber ohne Improvisation. Das Orchester ist der Solist.“ Freilich betont er an anderer Stelle immer wieder die Inspiration, die er durch die Eigenart der Mitwirkenden gewinnt. Das trifft für die Instrumentalisten und im besonderen Masse für die in vielen Werken von Michael Mantler eingesetzten Stimmen zu: „Dabei suchte ich eine ganz besondere Art von Stimmen, nicht perfekte Stimmen, die eigentlich aus dem Blues kommen wie jene von Jack Bruce. Sie sollten von Gefühlen geprägt sein, von Emotionen, nicht von einer klassischen Ausbildung.“ Stimmen wie die von Jack Bruce, Marianne Faithful, Robert Wyatt lässt Michael Mantler in manchen seiner Kompositionen Texte von Autoren wie Samuel Beckett, Edward Gorey, Harold Pinter, Ernst Meister, Philippe Soupault, Giuseppe Ungaretti und Paul Auster singen. „Abstrakte Texte,“ so Mantler, „sparsam und zugleich von großer Assoziationskraft.“ Beim „Concerto Project“ treten an die Stelle der Stimmen die Instrumentalisten. Doch auch wenn sich diese in einer vergleichsweise „abstrakten“ Klansprache mitteilen, transportieren einige von ihnen noch immer etwas vom Impetus der Blues- oder Jazzmusiker. Eben das macht die Komplexität des Schaffens von Mantler aus: das simultane Mitdenken der Jazztradition (nicht des Jazzidioms) in einem konzertanten Kontext.Das Kammerensemble Neue Musik, Ende der achtziger Jahre von Juliane Klein, Thomas Bruns und Studenten der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ gegründet, um unmittelbare Gegenwartsmusik aufzuführen, erweist sich als idealer Partner für Mantlers „Concertos Project“. Dem KNM geht es um die Überschreitung der konventionellen Auffassung von Interpretation. In der Zusammenarbeit, zuweilen in interaktiv angelegten Schaffensprozessen mit Komponisten wie Mark André, Beat Furrer, Georg Katzer, Helmut Lachenmann, Chris Newman, Helmut Oehring, Salvatore Sciarrino, Dieter Schnebel transzendierte das Ensemble die herkömmliche Vorstellung von konzertanter Aufführung. Gelegentlich weitet es die traditionelle Konzertsituation in Klanginstallationen und Performances. Vor allem aber konzentriert es sich auf die Ereignishaftigkeit des Musizierens, indem es – wie bei der die realen oder imaginären Räume situativ einbeziehenden Interpretation oder wie bei der Improvisation – die Aura betont und sich der Reproduzierbarkeit tendenziell entzieht. Prozessual entfaltet sich dabei ein neuer Musikertyp wie ihn etwa der seit Mitte der neunziger Jahre mit dem KNM spielende Saxophonist und Bassklarinettist Theo Nabicht verkörpert, der ursprünglich vom Jazz und der improvisierten Musik kommt und sich dann mit diesen Erfahrungen der Neuen Musik zuwandte. Auf Initiative von Theo Nabicht kam es unter dem Titel „ear & wir“ zu jeweils einwöchigen Arbeitsphasen des Kammerensembles Neue Musik mit vier unterschiedlich profilierten Persönlichkeiten der aktuellen Improvisationsmusik: Fred Frith, Louis Sclavis, Armand Angster und Peter Kowald. Auch Musiker wie der seit 2000 zu den Mitgliedern des KNM zählende Tubist Robin Hayward lassen sich nicht mehr auf die Rolle des herkömmlichen Interpreten reduzieren. Klassisch bestens ausgebildet, assoziiert sich das Spiel Haywards heute vor allem mit einer innovativ orientierten, auch Improvisation einbeziehenden Neuen Musik. Auch Hayward bahnte Kooperationen des Ensembles mit Persönlichkeiten aus jenen Musikbereichen an, die sich der eindeutigen Zuordnung entziehen. Wenn das KNM mit Michael Mantler zusammentrifft, wird der musikalische Grenzen überscheitende Arbeitsprozess also nicht etwa begonnen, sondern auf neuer Stufe fortgesetzt.Das Kammerensemble Neue Musik und Michael Mantler arbeiten gleichsam an den gleichen Schnittstellen. Während das sogenannte Crossover eine Zusammenführung unterschiedlicher Stil- bzw. Musikbereiche anstrebt (und sich oft nicht über die simple Addition oder unvermittelten Gegenüberstellung hinausbewegt), geht es beim „Concertos Project“ um die kompositorische Integration unterschiedlich geprägter Solisten und um die kreative Vitalisierung, mitunter auch um Individualisierung des Ensembleklanges. Ohne das Spannungsverhältnis von Individual- und Gruppenklang aufzugeben werden die Solisten zugleich zu Orchestermusikern, und – um das Bild Von Michael Mantler aufzunehmen – das Ensemble avanciert zum Solisten.
» Details Juli 2007
Dr. Margarete Zander
Neue Zeitschrift für Musik
Fluxus als Impetus

Einblicke:
In einer kleinen Galerie in Berlin Mitte attackieren Fotomalereien in schreienden Farben die Sinne des Besuchers. „Zwischen Himmel und Hölle“ hat der italienische Künstler Paolo Consorti seinen Bilderzyklus genannt, nach Dantes Höllenvisionen aus der „Göttlichen Komödie“. Apokalyptische Landschaften in grellen Farben zeigen Massenorgien und Szenen wie aus einem Science-Fiction-Film. Musiker des Kammerensemble Neue Musik Berlin (KNM Berlin) haben sich im Raum positioniert: Die „Opera für eine Sängerin und CD-Zuspielung“ aus dem „Konvolut“ von Michael Hirsch wird mit Schlagzeug, Violine, Viola und Violoncello inszeniert. Hinzu kommt die italienische Performance-Sängerin Anna Clementi. Das akustische Bühnenbild der CD-Zuspielung schafft Konzentration, öffnet den Raum und schafft eine andere Wahrnehmung der Bilder. Anna Clementi sitzt an einem Tisch, die darauf erzeugten Geräusche werden zur Musik gemischt. Plötzlich Panik (so steht es in der Partitur): Sie kramt hektisch in ihrer Handtasche und wirft darin enthaltene Gegenstände auf den Tisch: Lippenstift, Fingerhüte, Glasmurmeln, Holzkugeln, Knöpfe, Kieselsteine, Legosteine, Münzen, Nägel, Ohrringe etc. Die Szene entwickelt eine Ästhetik, in der die Bilder an den Wänden plötzlich sprechen, sich im Moment Consortis Bildraum erschließt. Das KNM Berlin sensibilisiert für Wahrnehmung optischer Räume. Akademie der Künste, Hanseatenweg. Der große Veranstaltungsraum erinnert eher an einen Hörsaal, vom optischen Ambiente geht allenfalls Konzentration auf die Bühne aus. Beat Furrer dirigiert sein „still“ für Ensemble. Die Musiker des Kammerensemble Neue Musik Berlin formen jeden einzelnen Ton. Sie bewegen sich mit traumwandlerischer Sicherheit im geheimen Bauplan des Stückes und verorten die Töne darin. Die einzelnen Töne bekommen einen Körper und bilden ein Ganzes. Der Hörer dringt in den Ton-Raum vor. Alles wird Musik. Alles ist „stille“. Das KNM Berlin leuchtet Tonräume aus. Unter dem Namen „HouseMusik“ lädt das KNM Berlin regelmäßig zu kurzen Konzerten ein. Man geht dorthin, wo die Menschen sind, die man ansprechen möchte. An Orte, die ihnen vertraut sind. Der Friseur von nebenan ist ebenso dabei wie der Weinladen, Künstlerateliers und kleine Galerien. Im Theater O.N. sitzt Theo Nabicht mit seiner Kontrabassklarinette. Das Theater ist voll besetzt. Der Musiker begrüßt das Publikum und erzählt von seiner innigen Beziehung zu seinem Instrument. Über das Interesse an diesem seltenen Instrument mit seiner einzigartigen Vorgeschichte weckt er die Neugierde auf die Töne. Nabicht spielt ein Stück von Nabicht, eine Hommage an dieses Instrument, das ihm so viel bedeutet. „Zahlen, die stillstehen irgendwo in einem fernen gewöhnlichen Sommer“. Die Fantasie der Hörer ist geweckt. Das KNM Berlin gestaltet Innenräume.Räume – Tonräume – Innenräume. Das KNM Berlin entwickelt eine neue Präsentations- und Wahrnehmungsform: die Konzertinstallation.

Rückblende:
1987 haben die Komponistin Juliane Klein und der Gitarrist Thomas Bruns Studenten der Hanns Eisler Hochschule gesucht, um außerhalb des kontrollierten Hochschulrahmens Konzerte zu veranstalten. Man wollte ohne politisch-gesellschaftlichen Zwang Werke junger Komponisten aufführen und Musik von Komponisten aus dem Westen kennenlernen. Die ersten Konzerte fanden im „Kulturhaus Mitte“ und im „Theater unterm Dach“ am Prenzlauer Berg statt. Musik von Stephan Winkler war dabei und Musik von Helmut Oehring. „Unakademische Unangepasstheit“ nennt Juliane Klein ihre Grundhaltung von damals, mit dieser Haltung konfrontierte man auch Schüler mit dem Unbekannten und forderte zur Diskussion auf. Der direkte Kontakt zum Publikum wurde zum zentralen Anliegen, nach dem Motto: was uns Musiker und Komponisten angeht, geht alle etwas an. Extreme Stücke waren die große Herausforderung. Stücke von Helmut Oehring, deren Partituren die exzellent auf klassischen Orchesterklang vorbereiteten Studenten der Hanns Eisler Hochschule nicht lesen konnten, wurden mit dem Komponisten nun gemeinsam erarbeitet. Da der Gitarrenprofessor von Thomas Bruns gleichzeitig Dramaturg im TIP (Theater im Palast der Republik) war, spielte man Konzerte im dortigen Theater. Zwar weniger West-Musik, aber Musik von Komponisten, an denen man interessiert war, mit denen man zusammen arbeiten konnte: Georg Katzer, Friedrich Schenker, Paul Heinz Dittrich, Hermann Keller und Reiner Bredemeyer. An extremen Herausforderungen wie an ihrem ersten szenischen Stück „Der Ohrenatmer“ von Hans Joachim Hespos wuchsen die Fähigkeiten des Kammerensemble Neue Musik Berlin sprunghaft. Eingezwängt in Gummibänder und äußerlich in die Enge getrieben, erlebten die Musiker, in der Begrenztheit musikalisch frei zu agieren. Stücke aus dem klassischen Repertoire Neuer Musik aus dem Westen kamen hinzu, man entdeckte Xenakis und Lachenmann. Zunächst zögerlich wagte man den Vergleich zu den bekannten West-Ensembles, die einen jahrelangen Erfahrungs-Vorsprung in Spieltechniken und Hörerfahrung besaßen. Es stellte sich heraus, dass die Musiker mit der profunden musikalischen Ausbildung im Osten den Mangel an Erfahrung mit der westlichen Tradition wettmachen konnten und den Vergleich mit der Konkurrenz nicht scheuen mussten. Und – was sich in den Kritiken immer wieder nachlesen lässt – das Ensemble hatte einen schönen Ton! Die Krise: Insbesondere mit den großen Erfolgen der Oehring-Konzerte besaß man ein Markenzeichen, das zum Profil des Ensembles hätte ausgebaut werden können, doch Mitte der 90er Jahre beschloss man gemeinsam, nicht zum „Oehring-Spezialensemble“ zu werden. Eine Rückbesinnung auf die Basis des Ensemblespiels, die Fluxus-Konzerte von Dieter Schnebel und die in der Zusammenarbeit mit dem New Yorker S.E.M. Ensemble gesammelten Erfahrungen war die Folge. Als Höhepunkt der Kooperation mit dem nordamerikanischen Ensemble unter der Leitung von Peter Kotik galt das Klavierkonzert von John Cage, in dem jeder Musiker genau spürte, was es heißt, die volle Verantwortung für den eigenen Part zu übernehmen. Der Dirigent gibt dabei nur die Zeiten an. Die Freiheit der Gestaltung, die dennoch größte Genauigkeit in der Umsetzung der Spielanleitungen erfordert, wurde zu einem musikalischen Erlebnis, das niemand mehr missen mochte. Hier machte man gemeinsam große Fortschritte.

Profil:
Aus der Dreier- oder Zweierspitze (Roland Kluttig war von 1994-99 musikalischer Leiter) entwickelte sich allmählich eine Führungsspitze: Thomas Bruns wurde künstlerischer Leiter und Produzent. Beflügelt durch sein großes Interesse an der Form des „offenen Kunstwerkes“ etablierte sich die „Konzertinstallation“ als innovativer Konzertrahmen. Anfänglich wurde in der Szene stark diskutiert, welche Zukunft und welchen Stellenwert diese Form für die Entwicklung der Neuen Musik haben könne. Mit dem Engagement bei den Donaueschinger Musiktagen 2001 hatte man international die neue Konzertform in der Szene vorgestellt: Mit den beiden Installationen von Jay Schwartz und Gerhard Eckel sowie der Klangperformance von Ana Maria Rodriguez „Der Garten der Pfade, die sich verzweigen“ in den drei Stockwerken der Fürstlichen Hofbibliothek. Dramaturg der Konzertinstallation: Thomas Bruns. Realisation: KNM DOCK. Im Programmbuch der Donaueschinger Musiktage ist nachzulesen: „KNM DOCK wurde 1999 als modulare Plattform gegründet. ... KNM DOCK ermöglicht einen brisanten Kommunikationsprozess, der die bekannten Rollen von Musikern, Komponisten, Interpreten und Rezipienten neu verteilt. Dieser reicht über eine bloße Verknüpfung von Installation, Performing Art und Komposition hinaus. “Das KNM Berlin wurde bekannt für seine hochmusikalische Art, die Musik und das Erleben zu steigern und es nie nur bei der Kopfarbeit zu belassen. Die Musik wurde so lange ausgelotet, bis die Idee zum tragen kam. Man arbeitete eng mit den Komponisten zusammen, darunter Mark Andre, Beat Furrer, Georg Katzer, Helmut Lachenmann, Chris Newman, Helmut Oehring, Salvatore Sciarrino, Peter Ablinger und Dieter Schnebel. Ständige Gastdirigenten wie Roland Kluttig, Beat Furrer und Peter Rundel stärkten das Profil. Die Grundhaltung „dass die neue Musik alle etwas angeht“ bewirkte die Suche nach neuen Präsentationsformen. Man sucht die Hörer in ihrem Alltag auf, der vertraute Alltagsraum wird zum überraschenden Erlebsnisraum. Das KNM Berlin greift die „offenen“ Musikkonzepte der 1960er Jahre auf, und setzt sie bewusst in eine spannungsvolle Beziehung zu aktuellen Tendenzen des Musikmachens. Um sich in der aktuellen Konkurrenzsituation, wo auch die etablierten Orchester die neue Musik für sich entdecken, zu unterscheiden und zu behaupten, sucht man nach künstlerischen Präsentationsformen für die jeweilige Musik, nutzt den der Musik inneliegenden Vermittlungsaspekt. Daher arbeitet das Ensemble projektweise mit Regisseuren zusammen wie Jan Lauwers, Ingrid von Wantoch Rekowski und Xavier Le Roy. Die Ergebnisse wurden in den USA, Südamerika und Europa u. a. zu den Wiener Festwochen, Wien Modern, Festival d'Automne à Paris, der settembre musica Torino, ars musica Brüssel und musica Strasbourg mit großem Erfolg aufgenommen.Aktuell:Heute bilden 11 Musiker den Kern des Kammerensembles Neue Musik Berlin. Vier sind fest in einem Orchester angestellt (RSB, Komische Oper), alle anderen frei. Es gibt ständige Gäste. 2002 haben die Musiker innerhalb des Ensembles auch feste Kammermusikformationen, so „KNM Ganesha“, ein Bläsertrio mit Tuba, und 2004 das „KNM Quartett” gegründet. Zu einer zentralen Figur wurde in diesem Prozess die Disposition/Produktion im Büro: Sabine Spillecke. Geplant und organisiert wird nach dem Vorbild eines Theaterbetriebes. Bezahlt wird projektbezogen, auch Thomas Bruns. Die wichtigsten Entscheidungen werden im Ensemble gemeinsam getroffen. Schwierige Probleme werden in einem Ausschuss von vier Personen, der sich etwa ein Mal im Monat trifft, vordiskutiert. In der Vollversammlung vorgetragen, entscheidet die einfache Mehrheit. Derzeit berät man darüber, ob man die GbR in eine GmbH oder einen e.V. umwandelt. An zentraler Stelle der gemeinsamen Arbeit steht nach wie vor das gemeinsame Musikhören und -diskutieren. Das stärkt und festigt das Profil. Auf dieser Basis setzt Thomas Bruns Ideen in Projekte um. Er übersetzt die Handschrift des Ensembles in konkrete Inhalte. Und er genießt das Vertrauen der Mitglieder. Zu seinen Stärken gehört das gute Zuhören, die Kenntnis der Szene, die großen Repertoire-Kenntnisse und ein großes Netzwerk an Kontakten, das er ständig überprüft und erweitert. Aus Visionen entwickelt er konkrete Angebote, um Projektgelder zu erhalten und als Kooperationspartner verschiedener Veranstalter attraktiv zu sein.Getragen werden die Programme von der Neugier auf das Neue, von der Auseinandersetzung mit Themen, die in der Luft liegen: „Musik der 68er“, „Kampf der Kulturen“, „Metropolis: Berlin“. Und die Fragen und möglichen Antworten möchte man musikalisch mit dem Publikum erörtern: mit Jugendlichen, mit Erwachsenen, mit Musikern, mit Laien. Highlights im Programm des KNM Berlin sind das jährliche HouseMusik Programm am Prenzlauer Berg in Berlin und die Galerienwanderung in Berlin Mitte sowie Projekte wie die Präsentation der Berliner Neue Musik Szene in der Carnegie-Hall in New York im November 2007. Neben der Bürokraft ist der technische Leiter Götz Dihlmann ein nicht zu unterschätzender Garant für die Qualität der Konzerte. Dihlmann sucht und erkennt in enger Zusammenarbeit mit den Komponisten und Musikern die technischen Tücken und kann so im Vorwege optimale Bedingungen schaffen.

Ausblick:
Warum die Musiker dieses Risiko des nicht-angestellten Musikers eingehen? Stellvertretend für den Geist des Ensembles sei die Oboistin Gudrun Reschke zitiert, die seit 1992 Mitglied des KNM Berlin und des Bläserensembles der Gruppe: GANESHA ist.„Diese Musik ist ein Fenster zur Welt, die von einer Fantasie bewegt wird, die vielleicht auch meine ist. ... Dass ich hier gelernt habe, dass Geräusche auch Klänge sind und nicht immer verunglückte Töne, das war mein Glück! ... Neue Musik ist ‚Sauerstoff für den Kopf‘ und wenn man sie häufig spielt, dann wird Beethoven im Orchester zum Kristall.“ Was Thomas Bruns trotz aller attraktiven Angebote aus der Szene bewegt, beim Ensemble zu bleiben, ist der Geist der Gründerjahre, den sich das Ensemble trotz mancher Musiker-Wechsel bewahrt hat: das „Anti-Bürgerliche“, der Gedanke, dass Musik alle angeht und möglichst viele das erleben und erkennen sollen.

» Details November 2007
Steve Smith
The New York Times
KNM at Carnegie Hall Play That Funky Spinning Bike Wheel, Berlin Boy

As anyone who frequents New York’s downtown lofts and Brooklyn’s nightclubs can attest, cutting-edge music flourishes where rents are relatively low and patrons are unburdened by the rigorous customs of conventional concert life. The model works just as well in Berlin, as the KNM Berlin, an 11-member ensemble founded in the late 1980s by students from the Hanns Eisler College of Music there, proves.
The group, whose full name is Kammerensemble Neue Musik Berlin, pursues a busy international schedule. But at home it has attracted attention for the HouseMusik concerts it presents in apartments, offices and cafes. Zankel Hall, where the group provided a three-hour crash course in contemporary German music on Saturday night as part of the Berlin in Lights festival, must have seemed positively conservative by comparison.
Opening the concert, Stefan Bartling’s “Mit Namen” and “Randnotiz” had Ekkehard Windrich, a violinist, plucking rhythms on a spinning bicycle wheel. Against this, a recorded litany of artists’ names — Frida Kahlo, Albert Camus, Arturo Benedetti Michelangeli and so on — swarmed into a noisy beehive buzz.
In Helmut Oehring’s endearing “Philipp,” Theo Nabicht played a childlike private babble on double-bass clarinet, backed by indistinct recorded voices. “Automat” combined a ghostly double-exposed film of urban scenes by Peter Sabat with “Duas Quintas,” a plaintive microtonal violin duet composed by his brother, Marc Sabat. “Telegram From a Sea,” by Ana Maria Rodriguez, accompanied a recitation by the poet Ron Winkler with a desiccated array of spiccato bounces, growls and groans from a computer-enhanced quartet.
The second part of the program opened with Stefano Gervasoni’s “An (Quasi Una Serenata con la Complicità di Schubert),” an arid quintet that alluded to Schubert in a few mawkish sequences. Robin Hayward, an extraordinary tuba player, offered a riveting account of Luigi Nono’s “Post-prae-ludium No. 1, ‘per Donau.’ ” In Peter Ablinger’s “Voices and Piano” the pianist Benjamin Kobler mimicked the tones and cadences of recorded speech by Brecht, Schoenberg, Angela Davis and Mao. Dirk Rothbrust, a percussionist, maneuvered through Helmut Lachenmann’s “Intérieur I” with balletic grace.
The audience thinned to a woeful fraction of its original size for the third part of the program. A pity, because the works included here — Walter Zimmermann’s disorienting “Shadows of Cold Mountain 5,” Thomas Meadowcroft’s dreamy postrock reverie “Ezra Jack Plot” and Stephan Winkler’s “Vom Durst nach Dasein,” which drew upon rustic themes and techno rhythms without pandering — were among the evening’s strongest pieces.

» Details November 2007
Peter Uehling
Berliner Zeitung
Mit dem Fahrrad nach New York
Das Kammerensemble Neue Musik gastierte im Rahmen des Berlin-Festivals in der Carnegie Hall

Carnegie Hall! Selbst abgebrühte New Yorker erstarren kurz in Respekt, wenn man sagt, dass man im berühmtesten Konzertsaal ihrer Stadt auftritt. Meist sind das ohnehin nur die weltweit Etablierten, ein Ort künstlerischer Überraschung ist die Carnegie Hall sicher nicht. Um so bemerkenswerter daher der Auftritt eines kleinen Berliner Ensembles. Das Kammerensemble Neue Musik Berlin (KNM) verdankt seinen Auftritt in der Carnegie Hall nicht allein seiner hohen Qualität, sondern dem Zusammenhang, in dem es auftritt: Innerhalb des Festivals "Berlin in Lights", das sich mit Berlin als einem der "weltweiten Mittelpunkte künstlerischen Ausdrucks" befasst.

Das KNM zog die Aufmerksamkeit der Carnegie Hall mit seiner "Hausmusik" auf sich. Dabei ziehen die Musiker durch ein ausgewähltes Viertel, von der Privatwohnung in die Kneipe in den Keller und wieder zurück und spielen jeweils kurze Stücke: Ein Versuch, die Szene aufzubrechen und der neuen Musik Passanten als Hörer zu gewinnen. Das geht in der Carnegie Hall in dieser Form natürlich nicht. Dafür hat das Ensemble ein vielseitiges, kompromisslos modernes und in drei Blocks geteiltes Programm mitgebracht, das einen Eindruck vermittelt vom Herumziehen, von der Anpassung an verschiedene Orte durch verschiedene Besetzungen, von dem konzeptionellen Reichtum der Berliner Szene. Das dreieinhalbstündige Konzert fand in der Zankel-Hall, dem modernen, 600 Zuhörer fassenden Kammermusiksaal der Carnegie Hall statt.

Anders als die meisten Neue-Musik-Ensembles, deren Auftritte in ganz normalem Konzertrahmen stattfinden, hat das KNM sich von Anfang an für die Überschreitung dieser Formen in Richtung Performance und Medienkunst interessiert. Als es 1987 von Studenten der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" gegründet wurde, standen seine ästhetischen Interessen quer zu den politischen Linien des SED-Staats. Nach dem Mauerfall wurde das Ensemble richtig bekannt, sein Aufstieg ist eng mit den ersten erstaunlichen Erfolgen des Komponisten Helmut Oehring verbunden. Thomas Bruns, der Manager des Ensembles, sieht in der Einladung nach New York nicht nur eine Bestätigung des Ensemblekonzepts, sondern hofft auch auf bessere Sichtbarkeit des KNM in Europa.

Stefan Bartlings "Mit Namen & RANDNOTIZ" für Lautsprecher, zwei Megafone und Fahrrad bildete den kühnen Auftakt des Konzerts: Erst knackt die Fahrradkette, dann hört man Künstlernamen über die Lautsprecher. Das enthielt sogleich die Aufforderung, über das Gehörte auch nachzudenken: Inhaltloses und Künstlernamen, hinter denen sich ganze ästhetische Programme verbergen, bilden den größtmöglichen Gegensatz hörbarer Zeichen. Da ist es schon eine Pointe, wenn Knacken und Namen irgendwann im Schwung der gemeinsamen Beschleunigung, also einer einheitlichen Verarbeitungsmethode, ihre Konturen verlieren, zum Schnurren und zum Geschwätz werden.

Fast alle Stücke sind in Grenzbereichen angesiedelt, in denen Sprache oder Bilder zur Musik hinzutreten, die elektronische Bearbeitung den Instrumentalklang ergänzt oder trägt. Noch in Stefano Gervasonis "An" klingt in den traditionell kammermusikalischen Satz durch ein Schubert-Fragment etwas Zeichenhaftes, Sprachliches hinein. Dabei werden Stücke von Altmeistern wie Luigi Nono ("Post-prae-ludium No.1 per Donau" für Tuba) und Helmut Lachenmann ("Intérieur I" für Schlagzeug) mit Stücken eher szeneintern arbeitender Komponisten wie Peter Ablinger, Ana Maria Rodriguez oder Marc Sabat kombiniert. Es sollte nach Bruns' Vorstellung ein langsames Programm sein, im Unterschied zu dem, was man in den USA unter neuer Musik versteht, die in ihren minimalistischen oder populär-traditionalistischen Spielarten eher rhythmisch ist. Erst am Ende wird es mit Stephan Winklers "Vom Durst nach Dasein" rascher: Techno-Einblendungen treiben das Stück.

So etwas hört man in New York selten. Wie selten, das illustriert das Engagement einiger Kompositionsstudenten der New York University, die, als sie von dem Auftritt des Ensembles hörten, sofort ein Konzert im Goethe-Institut organisierten, bei dem das KNM Werke der Studenten aufführte.
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April 2015

Fabian Czolbe

Positionen

Fabian Czolbe schreibt in den Positionen eine kluge und sehr differenzierte Rezension über die Konzerte der diesjährigen MaerzMusik. Wir freuen uns, dass er das KNM wie folgt erwähnt: "Einen musikalischen Höhepunkt boten dagegen vier Musiker des Ensemble KNM Berlin mit Georg Friedrich Haas' Streichquartett Nr. 3 In iij. Noct (2001). Nicht allein aufgrund des Musizierens in der Dunkelheit erzeugte dieses Spannung. Die räumliche Aufteilung der Musiker, jeweils in den vier Ecken des Saals, bot faszinierende Hörperspektiven, die den Hörer in die musikalischen Interaktionen, das Verschieben von Motiven, das Schichten von Klängen, eintauchen ließen."

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April 2015

Eleonore Büning

Frankfurter Allgemeine

Eleonore Büning schreibt in der FAZ einen intelligenten, lockeren und engagierten Artikel über die diesjährigen Wittener Tage für neue Kammermusik. Wir fühlen uns geehrt, denn sie schreibt: "Und drei der weltbesten, mehrfach ausgezeichneten Spezialensembles waren eingeladen worden, diesen Diskurs auf stichhaltigem Niveau zu realisieren: das Kammerensemble Neue Musik aus Berlin (KNM), das österreichische ensemble für neue Musik aus Salzburg (oenm.) sowie die Neuen Vocalsolisten Stuttgart."